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[5] Evangelischer Presse Dienst Sozial Bettina Markmeyer

Der niederländische Kardiologe Pim van Lommel erforscht Nahtoderfahrungen. Sein Buch "Das Endloses Bewusstsein" ist gerade in Deutschland veröffentlicht worden. Van Lommels Erkenntnis: Selbst wenn das Gehirn nachweislich nicht mehr funktioniert, können Menschen ein klares Bewusstsein haben.

epd sozial: Herr van Lommel, wie sind Sie auf ihr Forschungsthema gekommen?

van Lommel: Ich habe als Kardiologe viele Patienten wiederbelebt. Nachdem ich 1986 ein Buch über Nahtoderfahrungen gelesen hatte, habe ich begonnen, meine Patienten systematisch zu befragen, ob sie sich an etwas erinnern konnten. Zu meiner großen Überraschung berichteten innerhalb von zwei Jahren von rund meiner 50 Patienten zwölf von einer Nahtoderfahrung.
Da war meine wissenschaftliche Neugier geweckt: Ich hatte immer gelernt, dass es unmöglich ist, ein Bewusstsein zu haben, wenn man bewusstlos ist - also wenn ein Patient klinisch tot ist: wenn da keine Atmung mehr ist, keine Blutdruck, kein Herzrhythmus. 1988 begannen wir mit unserer Studie über Nahtoderfarungen. Sie wurde 2001 in "The Lancet" (der international bedeutendsten medizinischen Zeitschrift, die Red.) veröffentlicht.

epd: Hat diese Forschung Ihren Blick verändert?

van Lommel: Als Kardiologe habe ich immer gedacht, dass alles mit physiologischen Vorgängen zu erklären ist. In unserer Studie hat das dann nicht mehr funktioniert. Ich habe mit hunderten von Menschen gesprochen, die eine Nahtoderfahrung hatten. Es war aber unmöglich, das mit den heutigen Methoden zu erklären. Das ist das Problem.

epd: Sie haben also vor allem die bisherigen Erklärungen ausgeschlossen?

van Lommel: Ja. Wir untersuchten 344 Patienten, die einen Herzstillstand überlebt haben. Die Studie ergab, dass es keine physiologischen, psychologischen, demografischen oder pharmakologischen Faktoren gibt, die Nahtoderfahrungen messbar machen oder erklären können: Sauerstoffmangel ist keine Erklärung. Angst vor dem Tod ist keine Erklärung. Alle diese 344 Patienten hatten einen Herzstillstand. Sie waren klinisch tot. Aber nur 18 Prozent hatten eine Nahtoderfahrung.

epd: Was konnten Sie daraus schließen?

van Lommel: Unsere Schlussfolgerung war, es ist noch ein Geheimnis, warum diese Menschen eine Nahtoderfahrung hatten und die anderen nicht. Alle Faktoren, auf die man Nahtoderfahrungen in den vergangenen 30 Jahren zurückgeführt hatten, konnten wir nicht verifizieren. Wir wissen es nicht.

epd: Wenn das Bewusstsein während der Nahtoderfahrung nicht messbar ist, hat es denn dennoch einen Ort im Körper des Menschen?

van Lommel: Bei der Nahtoderfahrung hat man das Gefühl, außerhalb des Körpers zu sein. Man sieht den Operationssaal oder den Verkehrsunfall von oben und den eigenen Körper von außen. Es ist keine körperliche Erfahrung. Vielmehr erleben Menschen in der Nahtoderfahrung die bewusste Rückkehr in den Körper - was sehr schwer für sie ist.
Es gibt keinen Ort im Köper, wo das endlose Bewusstsein verortet ist. Das Gehirn ist nur die Schnittstelle. Es hat nach meiner Ansicht eine ermöglichende Funktion, um das Wachbewusstsein zu erfahren. Das Wachbewusstsein gehört zum Körper. Aber das endlose Bewusstsein ist nicht auf das Gehirn und den Körper beschränkt. Das ist in einer Dimension ohne Zeit und Raum. Es ist immer da.

epd: Bedeutet das, dass alle Menschen daran Anteil haben?

van Lommel: Alle Menschen haben Anteil daran, aber normalerweise ist es nicht möglich, mit diesem endlosen Bewusstsein in Kontakt zu sein. Das geschieht nur manchmal, bei Nahtoderfahrungen, bei Depressionen oder auch in der Meditation. Dann hat man Zugang zu diesem endlosen Bewusstsein. Es gibt also nicht nur das endlose Bewusstsein nach dem Tod, sondern es ist auch während des Lebens zugänglich. Die Nahtoderfahrung ist ja auch eine Erfahrung in der Endphase des Lebens.

epd: Wie versteht man denn vor diesem Hintergrund das persönliche Bewusstsein eines Menschen?

van Lommel: Im Unterschied zum endlosen Bewusstsein sieht der Mensch im Wachbewusstsein die Welt dualistisch: ich und die Anderen oder das andere. Menschen mit Nahtoderfahrungen können uns erzählen, dass sie Einheitserfahrungen gemacht haben: Das Ich und alles andere ist intensiv miteinander verbunden. Es ist alles eins.

epd: Sie schreiben, dass diese Erfahrungen einen Menschen stark verändern. In welche Richtung?

van Lommel: Ja, es gibt eine radikale Veränderung. Sie wirkt ein Leben lang, obwohl die Erfahrung, die sie auslöst, nur zwei oder drei Minuten dauert. Die drei wichtigsten Änderungen: Die Menschen haben keine Angst mehr vor dem Tod. Sie haben eine erhöhte intuitive Sensibilität. Und sie haben eine andere Lebenseinstellung. Nach dieser Erfahrung von Einheit fühlen sie sich mit den anderen und der Natur stark verbunden. Sie leben anders als vor ihrer Nahtoderfahrung.